Sushi

Henks Stiefel schlugen auf den Trittstufen einen metallischen Rhythmus, als er die Leiter zum obersten der treppenförmig ansteigenden Flachdächer hinaufkletterte. Vor einem beigefarbenen, kastenförmigen Aufbau mit einer runden Öffnung, der an eine Waschmaschine erinnerte, blieb er stehen. Mit einem Seufzer der Erleichterung wuchtete er den ausgebeulten Leinensack von seinem Seemannsrücken und setzte ihn auf der Dachpappe ab. Er wischte sich den Schweiß von der Stirn und lehnte sich gegen den Kasten, um zu verschnaufen. „Das ist übrigens wirklich mal ein Pfandautomat gewesen“, erläuterte er, „Die Röhre wurde hinten verlängert, die führt jetzt schräg nach unten in den Verarbeitungsraum“. Er beugte sich vor und krempelte den Sack so weit auf, dass man die Tiere sehen konnte, reglos ineinander verknäult. Er nahm einen der kleinen Körper, legte ihn in die runde Öffnung und drückte auf den grünen Knopf daneben. Mit einem sanften Brummen setzte sich das Förderband in Bewegung und ich beobachtete, wie das Tier nach hinten transportiert wurde. Plötzlich rutschte es nach unten und verschwand aus meinem Blickfeld. Das Display neben der Öffnung leuchtete auf und die Ziffer 1 erschien, daneben ein Eurozeichen. „Das heißt natürlich nicht, dass ich bloß einen Euro bekomme, der Automat zählt nur, wie oft was durch die Lichtschranke rutscht“, erklärte Henk, „Die Tiere kommen unten auf die Waage, die addiert die Summen pro Kilo und schickt das Ergebnis dann hier rauf. Alles vollautomatisch.“ Ein Klicken ertönte aus dem Schacht. „Das war der Elektroschock“, sagte Henk und legte den nächsten Körper auf das Förderband. Unter dem Brummen war jetzt ein schmatzendes Geräusch zu hören. „Das ist der Kollege Schneider, der fängt schon mit dem Häuten an. Umso besser, dann brauche ich nicht so lange zu warten.“ Mir wurde übel und ich wandte mich ab. „Das findest du widerwärtig, was?“ Henk grinste. „Ich sage dir, was widerwärtig ist: Ich habe mal in Shanghai gesehen, wie man die Viecher transportiert. Die hatten sie – lebend, unbetäubt – in ein Drahtgestell gestopft, richtig gestopft, mit Gewalt, bis nichts mehr reinging, überall quollen Beine und Bäuche und Köpfe raus. Das Gestell haben sie dann einfach von der Laderampe geschmissen und durch die Gegend geschoben, wie gesagt, ohne vorher zu betäuben, das gab ein Geschrei. Und eine schöne Blutspur.“ „Dagegen bist du geradezu human“, gab ich zurück, aber er überhörte den Sarkasmus. „Klar, das hat für mich was mit Respekt zu tun“, versicherte er und ließ ein weiteres Tier in der runden Öffnung verschwinden, „Ich gebe ihnen sogar eine faire Chance. Ich jage sie nur mit meinen Händen und einem Knüppel – und dazu muss man sehr geschickt sein – dann ziehe ich ihnen eins über und erst in der Maschine werden sie mit dem Elektroschock getötet, damit das Fleisch möglichst frisch verarbeitet werden kann, die kriegen davon gar nichts mit.“ „Ekelig ist es trotzdem“, entgegnete ich, „und skandalös, dass Mr. Wang’s den Leuten das als Sushi verkauft.“ Henk lachte auf. „Die sind selbst schuld. Alle wollen das Zeug, weil es gerade Mode ist, doch natürlich muss es billig sein. Wenn ein Restaurant konkurrenzfähig bleiben soll, muss man sich eben was einfallen lassen. Weißt du, wie viel heutzutage ein guter Thun kostet? Die Meere sind leergefischt. Auf der anderen Seite schimpfen alle auf diese Viecher hier, weil die sich immer weiter vermehren und die Stadt nichts dagegen tut. Ich schlage zwei Fliegen mit einer Klappe: Ich schone ich die Fischbestände und verschönere die Stadt. Das ist moderner Umweltschutz.“ Er zwinkerte mir zu und schob wieder einen Körper in die runde Öffnung. „Und Fleisch ist Fleisch“, ergänzte er, „Man muss es nur richtig würzen.“ Kopfschüttelnd zog ich die Kamera aus der Umhängetasche und schoss ein paar Fotos, während Henk, eine Melodie von den Beatles summend, seine Arbeit verrichtete.
Als das letzte Tier unter Brummen und Klicken in den Schacht gerutscht war, streckte er sich ausgiebig und trat an den Rand des Daches. Er sah hinunter auf die Menschen, die in der Fußgängerzone durcheinanderwimmelten. „Warum lieben sie es, zu essen“, sinnierte er, „wollen aber nicht essen, was sie lieben?“ Ich fragte: „Wieso lässt du mich eigentlich das alles dokumentieren? Hast du keine Angst um dein Geschäftsmodell?“ „Ich mache damit Schluss“, antwortete Henk, „Ich habe keine Lust mehr, durch muffige Keller zu kriechen und mir Kratzer und Beulen zu holen. Außerdem will ich weg.“ Er hob den Kopf und blinzelte in die Vormittagssonne, „Ich bleibe nie lange an einem Ort.“
Die übrige Wartezeit verbrachte er damit, mich auf einige seiner Ansicht nach interessante Exemplare diverser Polar- und Windhunderassen unten auf der Einkaufsstraße hinzuweisen, und spekulierte über die Zusammensetzung verschiedener Mischlingshunde, die Passanten vorbeiführten. Als das Display des Automaten hektisch zu blinken begann, frohlockte er: „Ah, fertig“, und drückte noch einmal den grünen Knopf. Ein bedruckter Zettel sirrte aus einem schwarzen Schlitz unterhalb des Displays. Henk riss ihn ab, faltete den Sack zusammen und forderte mich auf, ihm nach unten zu folgen.
Wir betraten Mr. Wang’s über die Dachterrasse, auf der sich bereits einige Hungrige aus den umliegenden Geschäftsgebäuden zum Mittagstisch eingefunden hatten. Innen herrschte Halbdunkel, Wasser plätscherte in ein Becken mit bunten Koi und auf der Theke fuhren von unten beleuchtete Teller in Schiffchenform auf einem Förderband im Kreis, gefüllt mit Sushi. Henk übergab der Kassiererin seinen Zettel, sie scannte den Barcode, öffnete die Kasse und zählte ihm Geld auf die Hand. Ich betrachtete die verschiedenen Gedecke. Vegetarische Maki-Sushi glitten an mir vorbei, dann Nigiri-Sushi mit Garnelen, dann welche mit rötlichem Fleisch, das zumindest so aussah, als sei es roher Thunfisch. „Das könnte schon von unserer Lieferung sein“, flüsterte Henk mir zu. Ich würgte.
Draußen fragte ich: „Sei ehrlich: Würdest du das essen?“ Henk lächelte. „Ich bin Holländer. Ich esse keine Katzen.“
Als ich ihm zwei Tage später berichten wollte, dass die Redaktion des Stadtmagazins meinen Artikel abgelehnt hatte, weil Mr. Wang’s ein wichtiger Anzeigenkunde sei, war Henk nicht mehr zu finden.

Zuerst veröffentlicht in: Hamfler, Peggy u. Treichel, Thomas (Hg.): Satz und Zeilensprung. Die Literaturzeitung der Leipziger Germanistik, 1. Halbjahr 2014, S. 3.

Veröffentlicht von Ro Korvus

job: bringing order to chaos; writing, publishing, teaching. interests: german language & literature, performative arts & practices, 8th-17th century europe.

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